Fassade streichen: erst den Untergrund prüfen, dann die Farbe wählen

Unter der Fensterbank zieht sich ein grauer Streifen über den Putz. An der Wetterseite bleibt beim Darüberwischen weißer Staub an der Hand. Spätestens jetzt steht ein neuer Fassadenanstrich an. Ob er hält, entscheidet sich vor allem am Untergrund und an der Wahl der Farbe, dazu am Wetter beim Streichen.

Woran Sie erkennen, dass die Fassade einen Anstrich braucht

Einen festen Zeitraum für den nächsten Anstrich gibt es nicht. Wie lange eine Beschichtung hält, hängt von Himmelsrichtung, Dachüberstand, Spritzwasser und dem Zustand des Putzes ab. Mehr verrät ein Rundgang ums Haus:

  • Kreidender Anstrich: Beim Wischen mit der flachen Hand bleibt farbiger Staub an der Haut. Das Bindemittel an der Oberfläche ist verwittert.
  • Grüne, graue oder schwarze Beläge, oft an der Nord- und Westseite, hinter Sträuchern und unter Fensterbänken. Meist sind das Algen oder Pilze, die auf lange feuchten Flächen wachsen.
  • Risse: Feine Haarrisse im Anstrich sind etwas anderes als Risse, die durch den Putz gehen. Breite oder treppenförmig verlaufende Risse müssen vor dem Streichen untersucht werden.
  • Abplatzungen und Blasen, häufig am Sockel und an den Fensterlaibungen. Dort steht oft Feuchtigkeit hinter der Beschichtung.
  • Ausgeblichene Farbe an der Südseite, während die Nordseite noch satt wirkt.

Ein kreidender, aber sonst fester Altanstrich lässt sich nach gründlicher Reinigung und passender Grundierung in der Regel überstreichen. Hinter blätternder Farbe an der Wetterseite steckt dagegen meist Feuchtigkeit, deren Ursache zuerst behoben werden muss. Wer nur darüberstreicht, sieht die Schäden bald wieder.

Untergrundprüfung: was vor dem Angebot geprüft wird

Die VOB/C ATV DIN 18363 enthält die Allgemeinen Technischen Vertragsbedingungen für Maler- und Lackierarbeiten; Vertragsbestandteil wird sie, wenn die VOB/B vereinbart ist. In Abschnitt 3.1.1 nennt sie die ungeeignete Beschaffenheit des Untergrunds ausdrücklich als Grund für Bedenken nach § 4 Abs. 3 VOB/B.

Für eine verputzte Fassade reichen meist einfache Proben ohne Labor. Welche Prüfungen auf der Baustelle üblich sind, fasst das BFS-Merkblatt Nr. 20 des Bundesausschusses Farbe und Sachwertschutz zusammen. Die Technischen Informationen von Caparol verweisen für die Untergrundprüfung darauf. Die Proben für Innenwände stehen in der Übersicht des Ratgebers.

Einfache Proben an einer Putzfassade
ProbeSo geht sieWas sie zeigt
WischprobeMit der flachen Hand oder einem dunklen Tuch über die trockene Fläche streichenBleibt Farbstaub haften, kreidet der Altanstrich. Er wird gereinigt und meist grundiert.
KratzprobeMit einer Spachtelecke in Anstrich und Putz ritzenRieselt Sand heraus oder lässt sich die Farbe abschaben, ist die Schicht nicht tragfähig.
KlebebandprobeKräftiges Klebeband fest andrücken und ruckartig abziehenHängen Farbschollen am Band, haftet der Altanstrich schlecht.
BenetzungsprobeWasser mit Pinsel oder Sprühflasche auftragenDunkelt die Fläche sofort nach, saugt sie stark. Perlt das Wasser ab, ist sie wasserabweisend, etwa durch einen alten Siliconharzanstrich.
KlopfprobeMit dem Hammerstiel über den Putz klopfenEin hohler Klang zeigt Putz, der sich vom Mauerwerk gelöst hat.
Sichtprüfung auf FeuchteSockel, Fensterbänke, Dachanschluss und Fallrohre ansehenDunkle Ränder und Salzausblühungen deuten auf Wasser, das zuerst abgestellt werden muss.

Woraus besteht der Altanstrich?

Mindestens so wichtig ist, welche Farbe schon auf der Wand ist, denn davon hängt die Wahl des neuen Systems ab. Oft steht im Keller oder in der Garage noch ein Eimer vom letzten Anstrich. Sein Etikett verrät mehr als jede Probe. Fehlt er, helfen Benetzungs- und Klebebandprobe weiter, im Zweifel auch eine kleine Probefläche mit der vorgesehenen Farbe.

Welche Fassadenfarbe auf welchen Putz passt

Fassadenfarben unterscheiden sich vor allem im Bindemittel. Es bestimmt, worauf die Farbe haftet und wie sie mit Regen und Wasserdampf umgeht. Für Putzfassaden kommen in der Regel drei Gruppen infrage.

Silikatfarbe

Das Bindemittel der Silikatfarben ist Kaliwasserglas. Auf mineralischen Untergründen wie Kalk- oder Kalkzementputz verbinden sich Silikatfarben fest mit dem Putz. Neben der reinen Silikatfarbe gibt es die Dispersionssilikatfarbe mit einem kleinen organischen Anteil. KEIM gibt diesen Anteil für seine Dispersionssilikatfarbe Granital mit unter 5 % an.

Auf alten Dispersions- oder Siliconharzanstrichen funktioniert Silikatfarbe nicht ohne Weiteres. Ob es geht, steht im Technischen Merkblatt. KEIM verlangt für tragfähige organische Altbeschichtungen einen Vorstrich als Haftbrücke und schließt plastoelastische Altbeschichtungen aus. Caparol nennt für seine Dispersionssilikatfarbe Sylitol dagegen auch Beschichtungen auf Dispersions- und Siliconharzbasis als geeigneten Untergrund. Der pauschale Satz „Silikat geht nie auf Dispersion“ stimmt also nicht.

Siliconharzfarbe

Siliconharzfarben weisen Wasser stark ab und lassen Wasserdampf trotzdem gut durch. Welche Untergründe freigegeben sind, steht wie bei jeder Farbe im Merkblatt.

Dispersionsfarbe

Dispersionsfarben auf Acrylatbasis bilden einen geschlossenen Film. Sie werden vor allem auf Kunstharzputzen und auf alten Dispersionsanstrichen eingesetzt. Wie durchlässig sie für Wasserdampf sind, steht als V-Klasse im Merkblatt.

Einteilung nach DIN EN 1062-1:2004-08 (Auszug)
KlasseEigenschaftGrenzwert
V1hohe Wasserdampfdurchlässigkeitsd < 0,14 m
V2mittlere Wasserdampfdurchlässigkeit0,14 m ≤ sd < 1,4 m
V3niedrige Wasserdampfdurchlässigkeitsd ≥ 1,4 m
W1hohe Wasserdurchlässigkeitsratew > 0,5 kg/(m²·h0,5)
W2mittlere Wasserdurchlässigkeitsrate0,1 < w ≤ 0,5 kg/(m²·h0,5)
W3niedrige Wasserdurchlässigkeitsratew ≤ 0,1 kg/(m²·h0,5)

Der sd-Wert gibt an, wie dick eine ruhende Luftschicht sein müsste, um Wasserdampf ebenso stark zu bremsen wie die Beschichtung. Ein kleiner Wert hilft einer Wand, die austrocknen soll. Der w-Wert beschreibt, wie viel Wasser die Beschichtung aufnimmt; hier ist ein kleiner Wert gut für den Regenschutz. Die Merkblätter von Caparol AmphiSilan, Caparol Sylitol und KEIM Granital nennen jeweils V1 und W3.

Außenwand mit Fassadenanstrich im SchnittVertikalschnitt durch eine verputzte Außenwand unter einem Fenster: innen Putz, Mauerwerk, außen Putz, Grundierung und Fassadenfarbe. Schlagregen trifft von außen auf die Beschichtung, Wasserdampf wandert von innen nach außen. Oben die Fensterbank mit Tropfkante, unten der Sockel am Gelände.InnenAußen12345678

Verputzte Außenwand unter einem Fenster im Vertikalschnitt, schematisch und nicht maßstäblich. Blau: Schlagregen und Tropfwasser, gold gestrichelt: Wasserdampf aus dem Innenraum.

  1. Mauerwerk
  2. Außenputz, der eigentliche Untergrund des Anstrichs
  3. Grundierung: festigt kreidende oder sandende Flächen und gleicht die Saugfähigkeit aus
  4. Anstrich mit Fassadenfarbe, nach Merkblatt in zwei oder mehr Gängen
  5. Schlagregen: Die Beschichtung soll Wasser abweisen, beschrieben durch die W-Klasse
  6. Wasserdampf aus dem Innenraum: Er muss durch die Beschichtung entweichen können, beschrieben durch die V-Klasse
  7. Fensterbank mit Tropfkante: Das Wasser tropft vor der Wand ab
  8. Sockel im Spritzwasserbereich: Hier ist der Anstrich am stärksten belastet

Farbton: hell, dunkel und die Frage an die Gemeinde

Dunkle Farbtöne heizen sich in der Sonne stärker auf als helle. Auf einem Wärmedämm-Verbundsystem belastet das den Putz über der Dämmung. Maßgeblich ist der Hellbezugswert, eine Skala von 0 für Schwarz bis 100 für Weiß. KEIM stuft Anstriche mit einem Hellbezugswert unter 20 auf Wärmedämm-Verbundsystemen als ungeeignet ein. Caparol verlangt in diesem Fall eine solarreflektierende Fassadenfarbe.

Wie ein Farbton auf dem eigenen Haus wirkt, zeigt eine kleine Musterfläche oder eine computerunterstützte Beratung, wie sie auf der Seite Fassaden und Wärmedämmung beschrieben ist. Steht das Haus unter Denkmalschutz, gehört ein neuer Farbton vorher zur Denkmalschutzbehörde: In Baden-Württemberg darf das Erscheinungsbild eines Kulturdenkmals nur mit ihrer Genehmigung beeinträchtigt werden. Gilt im Ortskern eine Gestaltungssatzung, wird der Farbton mit der Stadt abgestimmt.

Wetter: wann gestrichen werden kann

Die Technischen Merkblätter nennen eine Mindesttemperatur für Luft und Untergrund. Bei Caparol AmphiSilan sind es +5 °C, bei der Dispersionssilikatfarbe Caparol Sylitol +8 °C, nach oben jeweils +30 °C. KEIM verlangt für Granital mindestens +5 °C, und zwar während der Verarbeitung und der Trocknung.

Ein milder Nachmittag reicht deshalb nicht, wenn die Nacht danach Frost bringt. Auch der Untergrund zählt: Eine Nordwand ist am Morgen oft kälter als die Luft. Ist sie noch betaut, ist sie nicht so trocken, wie es die Merkblätter verlangen.

Pralle Sonne schadet ebenso. KEIM schreibt, nicht auf sonnenaufgeheizten Flächen zu streichen und die Flächen während und nach der Arbeit vor Sonne, Wind und Regen zu schützen. Gestrichen wird deshalb die Seite, die gerade im Schatten liegt, und Gerüstnetze halten Wind und Sonne ab.

Fassade streichen: der Ablauf von der Reinigung bis zum Schlussanstrich

  1. Reinigen: Staub, Kreide und Bewuchs müssen herunter. Algen und Pilze werden entfernt und, wo nötig, nach Herstellerangabe behandelt. Danach muss die Wand wieder trocknen.
  2. Ausbessern: Hohlstellen abschlagen und neu verputzen, Risse je nach Art schließen. KEIM verlangt, ausgebesserte Putzstellen vor dem Anstrich gesondert vorzubehandeln.
  3. Abdecken: Fenster, Fensterbänke und Steinflächen werden abgeklebt. KEIM verlangt das für Glas, Keramik und Naturstein; Spritzer sind sofort mit viel Wasser zu entfernen.
  4. Grundieren: Kreidende oder sandende Flächen werden gefestigt, stark saugende Flächen ausgeglichen. Welche Grundierung passt, richtet sich nach der Farbe, die danach kommt.
  5. Grund- und Schlussanstrich: Das Merkblatt von KEIM Granital beschreibt zwei Anstriche, bei sehr starker Beanspruchung drei. Überarbeitbar ist der Grundanstrich frühestens nach 12 Stunden bei 23 °C und 50 % relativer Luftfeuchte, bei Kühle und Feuchte später.
  6. Details: Sockel, Fensterbänke und Fallrohre. Fensterläden und andere Holzteile werden lackiert oder lasiert; KEIM nennt Holzflächen als ungeeigneten Untergrund für Granital.

Was innen vor dem Verlegen eines Bodens geprüft wird, zeigt der Beitrag über Korkboden, Estrich und Fußbodenheizung.

Neuer Putz statt Anstrich: was das Gesetz verlangt

Stellt sich beim Ausbessern heraus, dass großflächig neuer Putz nötig ist, wird aus dem Anstrich eine energierechtliche Frage. Nach § 36 des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GModG) gelten bei der Erneuerung des Außenputzes einer bestehenden Wand die Höchstwerte der Wärmedurchgangskoeffizienten aus Anlage 7. Ausgenommen sind Änderungen, die nicht mehr als 10 % der gesamten Fläche der jeweiligen Bauteilgruppe betreffen. Eine weitere Ausnahme nennt Anlage 7 für Außenwände, die nach einem Stichtag unter Einhaltung energiesparrechtlicher Vorschriften errichtet oder erneuert wurden. Ein reiner Neuanstrich steht nicht in Anlage 7.

Die Frage, ob eine Dämmung sinnvoll ist, gehört deshalb vor die Entscheidung, den alten Putz abzuschlagen. Malermeister Raymond Klein berät dazu auch als Energieberater.

Häufige Fragen

Darf die Fassade vor dem Streichen mit dem Hochdruckreiniger gesäubert werden?

Ja, KEIM nennt Wasserdruckstrahlen ausdrücklich, um lose Teile alter Beschichtungen zu entfernen. Der Strahl darf aber den Putz nicht aufrauen und kein Wasser hinter Fensterbänke drücken. Danach braucht die Wand Zeit, denn die Merkblätter verlangen einen trockenen Untergrund.

Müssen Algen vor dem Streichen entfernt werden?

Ja, die Merkblätter verlangen einen sauberen Untergrund. Wichtiger als die Reinigung ist aber die Ursache. Wo eine Fläche lange feucht bleibt, etwa hinter dichtem Strauchwerk oder unter einer Fensterbank ohne Tropfkante, kommt der Bewuchs wieder. Sträucher zurückschneiden und Fensterbänke prüfen gehören deshalb zur Vorbereitung.

Bis wann im Herbst kann die Fassade noch gestrichen werden?

Ein festes Datum gibt es nicht, es zählen die Temperaturen. Luft und Untergrund müssen während Verarbeitung und Trocknung über der Mindesttemperatur des Merkblatts liegen, je nach Produkt +5 °C oder +8 °C. Kündigt sich Nachtfrost an oder bleibt die Wand bis mittags betaut, wird der Anstrich verschoben.

Normen und Quellen